Besser Motorradfahren – en passant?

Wolfgang Stern

Besser Motorradfahren – en passant?

Kann man lernen, besser Motorrad zu fahren, ohne großen Trainingsaufwand, quasi en passant? Man kann.

Wer sich intensiver mit dieser Frage auseinandersetzen möchte, sei verwiesen auf die beiden „Klassiker“:

Bernt Spiegel „Die obere Hälfte des Motorrads“ und Hans Eberspächer „Motorradfahren mental trainiert“. Hier schreiben zwei Motorradfahrer, die nebenbei auch noch Professoren der Psychologie sind, wie man gut, schnell und vor allem sicher Motorradfahren lernt.

Besser ist die Steigerung von gut. Ausgangspunkt aller Trainingsüberlegungen ist also die Frage nach dem „gut“. Wie gut war meine Fahrausbildung? Wie gut fahre ich heute? Wie gut kenne ich die theoretischen Grundlagen des Motorradfahrens?

Motorradfahren setzt allgemein die Beherrschung des Fahrradfahrens voraus. Hier werden meist in früher Kindheit jene Bewegungsmuster verinnerlicht, die für die Fahrstabilität eines Zweirads unbedingt erforderlich sind. Dabei handelt es sich um die feine Dosierung von Lenkbewegungen, die ein Kippen des Zweirads durch den Aufbau von Kreisel- und Fliehkräften verhindern. Droht das Zweirad während der Fahrt nach links zu kippen, so bewirkt eine Lenkbewegung nach links eine Kurvenfahrt nach links und damit das Auftreten von Massenkräften, die nach rechts gerichtet sind und das Zweirad wieder aufrichten. Weil Lenken nach links ein Kippen und damit Fahren nach rechts bewirkt und sich dieses Lenken fundamental vom Lenken eines Autos unterscheidet, sprechen wir vom „paradoxen“ Lenkverhalten.

Dieses paradoxe Lenkverhalten hat jeder Zweiradfahrer automatisiert, so sehr, dass es ihm gar nicht bewusst ist, was er tut. Solche automatisierten Handlungsprogramme sind ein Segen, denn ohne sie wäre eine entspannte und sichere Fahrt gar nicht möglich. Automatismen entlasten unseren „Arbeitsspeicher“ und machen den Kopf frei für planende und kontrollierende Denkprozesse, die gerade für das Motorradfahren von großer Wichtigkeit sind. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Gewohnheiten begrenzen Handlungsmöglichkeiten, und zwar diesseits physikalischer Grenzen. Wenn ich beim Motorradfahren immer nur cruise, Beschleunigungen in Längs- und Querrichtung minimiere, fahre ich energiesparend, berechenbar und damit sicher. Aber ich werde nicht besser. Wenn es mal darauf ankommt, alles zu geben, dann kann ich es nicht.

Wer kennt sie nicht, die Situationen im Straßenverkehr, die auch bei defensiver Fahrweise nicht zu vermeiden sind, z.B. weil meine vierrädrigen „Partner“ gerade die neue Freisprechanlage testen und mich dabei völlig übersehen.

Also, wer besser Motorradfahren will, muss nicht nur vorausschauend und defensiv fahren, sondern auch seine Handlungskompetenz entwickeln, bis an die Grenze des physikalisch Möglichen.

Das gelingt natürlich am besten auf abgesperrtem Trainingsgelände bei einem Fahrsicherheits- oder Perfektionstraining, unter sachkundiger Anleitung. Ein solches Motorradtraining basiert darauf, die Beherrschung der Grundfahraufgaben zu perfektionieren. Das sind die bereits in der Fahrausbildung geschulten elementaren Bewegungsabläufe zur Stabilisierung des Gleichgewichts bei langsamer und schneller Fahrt, geradeaus und in Kurven und natürlich beim Anhalten. Für das Bestehen der

Der französische Ausdruck „en passant“ lässt sich mit “im Vorbeigehen, beiläufig“ übersetzen

und bezeichnet im Schachspiel einen besonderen (Schlag-)Zug eines Bauern. Außerhalb des

Schachs wird es benutzt, eine Tätigkeit zu bezeichnen, die man nebenher, ohne viel Aufwand,

erledigen kann.

Dieser Artikel zeigt Wege und Übungen auf, die jeder bei nahezu jeder Fahrt praktizieren kann

und die dazu beitragen, besser Motorrad zu fahren.

Fahrprüfung reicht es meist, die ausgewählten Grundfahraufgaben in Grobform, mehr schlecht als recht zu präsentieren. Eine Feinformung muss später in der Praxis erfolgen.

Dazu sind hier einige Beispiele aufgeführt, die jeder für sich weiter entwickeln mag1: Bremsen geradeaus

1. Vorderrad überbremsen:
Die Verbreitung der ABS-Technik in modernen Motorrädern macht es ungefährlich möglich. Schon beim Losfahren, direkt nach dem Erlöschen der Kontrolllampen kann der erste feste Griff in die Handbremse erfolgen. Funktioniert die Bremsanlage? Ist das ABS aktiv?

Es gilt der Grundsatz: Ich muss jederzeit, bei jeder Geradeausfahrt in der Lage sein, eine Vollbremsung durchzuführen, bzw. die ABS-Regelung zu aktivieren. Wer kein ABS besitzt, muss naturgemäß vorsichtiger agieren. Hier gilt es, die Bremse direkt nach der Blockade wieder zu lösen. Achtung bei steigendem Hinterrad. Auch dies ist ein Signal für sofortiges Lösen der vorderen Bremse.

2. Bremswege einschätzen

Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt es zuhauf. Nutzen wir sie als Übungsmöglichkeiten, indem wir Zielbremsungen praktizieren. Z. B. Ich fahre mit 100 km/h Landstraßentempo auf eine Ortschaft zu. Wann muss ich anfangen und wie hart muss ich bremsen, um am Ortsschild exakt 50 zu fahren?

Kurven fahren
3. Schräg fahren

Leider gibt es keine andere verlässliche Rückmeldung über das Erreichen der physikalischen Grenze als das seitliche Wegrutschen des Reifens. Dummerweise erfolgt der Übergang von der Haftreibung in die Gleitreibung schlagartig. Entsprechend behutsam sollte ich hier zu Werke gehen. Ein großer, leerer Parkplatz am Sonntag kann mir helfen, in Ruhe Kreise zu drehen und mich dabei langsam an die Schräglagengrenze heran zu tasten. Das notwendige Feedback bekomme ich durch erfahrene Bikerfreunde, die zeigen, dass häufig viel mehr geht, als ich vermutet habe. Fotos oder Videos für die häusliche Nachbereitung machen Fahrstile und Unterschiede deutlich.

Das Kurvenfahren als ganzheitlichen Handlungsablauf, mit anbremsen, herunterschalten, Lenkimpuls zur Einleitung der Schräglage, Blickführung und herausbeschleunigen lässt sich auf jeder Kurvenstrecke trainieren. In Regionen, die nicht gerade mit Kurvenstrecken gesegnet sind, gibt es die Alternative „Autobahnkleeblatt“, die allerdings nur Rechtskurven anbieten. Wer zum Ausgleich Linkskurven im Kreisverkehr fährt, muss beachten, dass die Fahrbahn im Kreisverkehr meist nach außen abfällt, um das Regenwasser abfließen zu lassen und häufig durch Öl und Diesel verschmutzt ist.

Alle aufgeführten Übungen sollten illustriert werden.

4. Lenkimpulse

„Paradoxe“ Lenkimpulse garantieren nicht nur die Fahrstabilität bei Geradeausfahrt. Sie sind für alle Richtungsänderungen, zum Einleiten einer Kurvenfahrt oder zum Ausweichen vor einem Hindernis von elementarer Bedeutung. Entsprechend wichtig ist es, die Lenkimpulstechnik systematisch zu entwickeln. Das gelingt bei Geradeausfahrt, wenn ich mir Ausweichsituationen schaffe, wobei das gedachte Hindernis eine beliebige Fahrbahnmarkierung sein kann. Auch das Wiedereinscheren nach einem Überholvorgang kann wunderbar zum Training eines akzentuierten Lenkimpulses genutzt werden. Das ruckartige Ausscheren vor dem Überholen mittels Lenkimpuls kann andere Überholer allerdings so irritieren, dass man es besser unterlassen sollte.

Genauso wichtig wie das Training von Lenkimpulsen zum Ausweichen bei Geradeausfahrt ist das Setzen von Lenkimpulsen in Schräglage. So mancher Biker hätte das Abkommen von der Fahrbahn oder die Kollision mit dem Gegenverkehr vermeiden können, wenn er in der Lage gewesen wäre, schräger zu fahren. „Innen vor!“ lautet hier die Instruktion, die es zu verinnerlichen gilt. Gemeint ist das Vorschieben des kurveninneren Lenkerendes, was das Motorrad in eine größere Schräglage zwingt. Trainierbar wiederum bei nahezu jeder Kurvenfahrt.

5. Bremsen und Lenken kombinieren

Gleichzeitig übertragene Brems- und Lenkkräfte gehorchen den Gesetzmäßigkeiten des „Kamm’schen Kreises“. Vereinfacht gesagt, „je schräger ich fahre, umso weniger kann ich bremsen – und umgekehrt „je aufrechter ich fahre, umso mehr kann ich bremsen.“ Dieses Wechselspiel zwischen Längs- und Querkräften, die der Reifen gleichzeitig übertragen muss, kann ich überall dort üben, wo bremsen und lenken ineinander übergehen, vor einer Kurve, beim Spurwechsel auf einen Abbiegestreifen oder beim Ausweichen aus Geradeausfahrt.

Zu guter Letzt:

Wer trainiert, kann ein Feedback gut gebrauchen. Da unbeteiligte Beobachter kaum verstehen werden, was wir hier en passant trainieren, können wir auf deren Feedback gut verzichten. Die Übung selbst gibt mir die nötige Rückmeldung, deshalb praktiziere ich sie nur dort, wo niemand anderes dabei ist, der sich womöglich belästigt fühlen könnte. Besser Motorradfahren will ich schließlich für mich, nicht für die anderen.

.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.